Das gestrige Derby hat mir einmal mehr gezeigt, dass ich mich immer weniger mit dem identifizieren kann, was um die 90 Minuten herum bzw. außerhalb des Spielfelds passiert.
Auch ich fand die erste Halbzeit von unserer Starfelf passend zur Jahreszeit und Diskussionen um Horroclowns gruselig. Das war viel zu statisch und, was die offen gelassene Mitte anging, sportlich gesehen fast schon tödlich. Nur aufgrund der sehr defensiven Denkweise des Gegners durften wir ein 0-0 mit in die Halbzeit nehmen.
In der zweiten Halbzeit hat man aber gesehen, dass uns bzw. der Mannschaft noch viele Dinge fehlen, vor allem aber Überzeugung, die mit jeder Minute und gelungener Aktion zurück zu kommen schien.
Am Ende hätte man den Sieg sogar verdient gehabt, was man auch an der Feierstimmung im blauen Block ablesen kann, wobei sie nach dem Fehlstart auch von ganz unten kommen und sich da ein Unentschieden beim gehassten Nachbarn nicht so schlecht anfühlt.
Von Feierstimmung sind wir allerdings meilenweit entfernt und das hat unterschiedliche Gründe:
Anspruchsdenken:
Die Mannschaft hat Talent, ist so teuer wie nie, verfügt über großartige Rahmenbedingungen (inklusive ständiger Abschottung beim Training), war mit 78 Punkten im letzten Jahr der beste Zweite aller Zeiten und hat jetzt schon wieder einen großen Rückstand auf die Bayern. Dazu kommen ein glückliches Weiterkommen gegen einen Zweitligisten und ein Trainer mit dem man nicht warm wird. Das sind offensichtlich keine guten Voraussetzungen für eine Stimmung, die ein Derby vielleicht auch mal entscheiden kann!
Vergessen wird aber auch, dass das Team sehr jung und unerfahren ist, viele Spieler weder die Liga kennen noch eine Sprache sprechen, Verletzungen und Nationalteameinsätze kaum ein gemeinsames Training zumindest über einen längeren Zeitraum zulassen und die Gegner hauptsächlich auf des Zerstören unseres Offensivspiels aus sind und anschließend sich für Unentschieden feiern lassen.
Warum schaut man trotzdem immer (noch) nach ganz oben? Was ist schlimm daran, dass man eben nicht jedes Spiel (mit 6 Toren) gewinnt und man die Bayern endlich mal wieder überflügelt?
Das bringt mich zum zweiten Punkt:
Die Stimmung im Stadion:
Es gibt, wie immer, nicht nur einen Grund, dass etwas nicht so läuft wie es laufen könnte und sicher gehört der erste Punkt dazu, dass man schnell im Spiel die Lust verliert, das Team lautstark anzutreiben, aber ich habe das Gefühl, dass wir das gar nicht mehr können oder wollen.
Da ist "die Süd": optisch übermächtig, überall als legendär hervorgehoben und doch so uneins. Sicherlich war es früher einfacher, weil die Tribüne kleiner war, aber die Zeiten, dass 90 Minuten die verschiedensten Menschen sich nur auf eins konzentrierten, nämlich die Jungs in unseren Farben nach vorne zu schreien, sind vorbei.
Gerade den Leuten im Herzen der Tribüne (Block 13) sind andere Dinge einfach wichtiger als das, was auf dem Spielfeld passiert. Da gilt es sich zu feiern, den gegnerischen Ultras zu zeigen, was man unter der Woche alles so geleistet hat, wie (tatsächlich tolle) Choreos, aber eben auch gestohlene Fanutensilien des jeweiligen Gegners zu zeigen und ganz tolle (diesmal ironisch gemeint!) Lieder über Treue und Stolz bis in den Tod usw. ...blahblah und singsang... zu singen.
Gleichzeitig bekommen diese Fans allerdings auch immer wieder die Möglichkeit, sich zu produzieren und das wiederum ist für andere Fans nicht wirklich motivierend. Da fällt es mir zumindest schon schwer, den Vorsängern zu folgen, weil man weiß, wie die Ultras gerade auswärts den Ruf von Fußballfans und insbesondere vom BVB ruinieren. Trotzdem dürfen sie weiter bei Auswärtsspielen und großen Finalspielen Pyrotechnik zünden, Züge und Bahnhöfe demoliert zurücklassen und sich in der großen Masse der BVB-Fans verstecken, bevor die Polizei sie zur Verantwortung ziehen kann.
Und wenn man dann noch sieht, dass Gewalt und Drohungen auch gegen die eigenen Reihen langsam zur Normalität werden, ist der Spaß am schönsten Sport der Welt komplett weg.
Was man auch nicht vergessen darf, ist die Stimmung, die man unter der Woche aus den diversen Medien mitnimmt. Da geht es um die Entfernung der Spieler von den Fans, zweifelhafte Auftritte in sozialen Netzwerken, aber eben auch um Entscheidungen der Geschäftsführung zur Marke BVB, der Internationalisierung und dem Umgang mit verdienten Spielern. Auch dieses Päckchen schleppen viele Fans mit ins Stadion und kriegen beim nächsten Aufruf von Dr. Pieper (nicht mehr zum Infostand) die Krise.
Alles in allem sind das Punkte, die an meiner Leidenschaft für den BVB (im Ganzen) kratzen und ich möchte doch nur ins Stadion gehen, meine Mannschaft anfeuern, mich über Gegner und Schiedsrichter aufregen und an spannenden Spielen verzweifeln und sie dann doch gemeinsam mit der Mannschaft und 80000 anderen Fans gewinnen...

