Nun ist man also nach einer blamablen Europapokal-Saison gegen RedBull Salzburg ausgeschieden und nicht das erste Mal in dieser Saison, musste man gestern (an)erkennen, dass unsere Mannschaft unter gewissen Voraussetzungen einfach nicht wettbewerbsfähig ist.
Nun wird über Charakter, Hierarchie und Führungsspieler gesprochen, Trainer und ihre Taktiken werden diskutiert und auch die Einkaufspolitik.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass man sich als Verein oder Unternehmen irgendwie verloren hat, vielleicht aufgrund des Wachstums in den letzten Jahren und der Erfolge, die man hauptsächlich in Sachen Talent-Rekrutierung, Auftritte/Wahrnehmung in Asien und einem Pokalsieg (nach vier Anläufen!) für sich verbucht hat. Verloren, im Sinne der korrekten Einordnung des BVB im großen Bild, welches der Profifußball inzwischen abgibt.
Erst wenn man weiß, welche Rolle man eigentlich im modernen Fußballgeschäft einnimmt und was alles für Einflüsse auf den alltäglichen Spielbetrieb, Spieler und Umfeld wirken, dann kann man sich neu ausrichten. Fraglich ist allerdings, ob man das mit den aktuellen Verantwortungsträgern und "ihrer Mannschaft", nämlich der, die die Weichen stellen muss, weiterhin kann.
Jürgen Klopp sagte, entweder er geht oder viele andere müssten gehen, Thomas Tuchel ist mit seinen Maßnahmen gescheitert, weil er sich auf vielen Ebenen unbeliebt gemacht hat, Peter Bosz am Ende an der nicht vorhandenen körperlichen Präsenz des gesamten Kaders.
Viele sprechen darüber, dass man Persönlichkeiten verloren hat. Spieler, die inzwischen bei Bayern oder ManCity das Spiel prägen. Der Verein setzte auf Talent und entwickelte sich zu einer Art Laufsteg für übertalentierte Offensivspieler. Spieler, die sich zu etwas Größerem berufen fühlten, als nur für den BVB zu spielen!
In der Zeit nach den großen Jahren, Titeln und Endspielen verloren wir nicht nur herausragende Persönlichkeiten auf dem Platz, sondern auch das Bild eines Vereins, zu dem die Spieler kommen, um sich genau für diesen Verein zu zerreißen, Widerstände gemeinsam zu überwinden und unbedingt Erfolg haben zu wollen. Stattdessen findet man eine Wohlfühloase vor, mit perfekten Trainingsmöglichkeiten, genug Ablenkung vom stressigen Spielbetrieb und dem besten Rasen der Liga im (inzwischen leider gar nicht mehr so lauten) Tempel. Man verbringt viel freie Zeit im Ausland, z.B. beim Friseur seines Vertrauens oder kuriert sich in Luxushotels mit Ausblick auf Berge und/oder Meer aus. Das sind Bilder, die in unserer Zeit, wo sich Gesellschaftsschichten gerade bzgl. des Wohlstands
immer weiter voneinander entfernen, wirken wie Brandbeschleuniger für
schlechte Laune!
In den sozialen Medien sieht man tatsächlich gut gelaunte Ballkünstler, die Lattenschießen üben oder im "Footbonauten" Bälle auf Kunstrasen von einem aufleuchtenden Kasten in den nächsten passen. Völlig egal, ob man gerade in Hannover auf schlechtem Rasen ausgekontert wurde oder gegen den Serienmeister aus Zypern zwei Mal nicht über ein Unentschieden hinausgekommen ist. Die Welt ist schön, die teuren Autos blitzen und wenn man öffentliches Training hat, sind auch viele Fans da ...
Anders sieht es tatsächlich auf den Tribünen aus. Da sind zwar immer noch viele Fans, aber man diskutiert über Spieltagszerstückelungen, Brausehersteller-Clubs und über die Defizite des gerade verantwortlichen Trainers. Gesungen wird fast nur noch im Ultra-Block, aber zum fürchten ist die Stimmung im Tempel (für Gegner) schon lange nicht mehr. Vielleicht schon eher für DIE (eigenen) Spieler, die dann doch mal etwas riskieren und dafür Pfiffe ernten, wenn es überhastet daneben geht. Da ist dann aber auch selten ein Zeichen von den Mannschaftskollegen, dass man sich gemeinsam hilft, was zumindest mal ein Signal für die Tribünen wäre, dass man tatsächlich "fest und treu" zusammenhält. Dann zündet dieser Brandbeschleuniger eben und man pfeift auch mal die eigene Mannschaft aus ... trotz Platz 2 oder 3 in der Ligatabelle!
Und so sind wir inzwischen ein inhomogenes Konstrukt, indem jeder dem anderen viele Fehler und Fehlverhalten aufzeigen kann, aber eben keine Gemeinsamkeiten zu erkennen sind.
Aber, was hat man eigentlich verpasst oder übersehen, wenn man an die letzten Jahre denkt?
Wir waren 2012/2013 das Vorzeigemodell im Fußball, voller Leidenschaft, Teamgeist, Jugend und Vollgasveranstaltungen und werden inzwischen von gefühlten 100 Teams aus ganz Europa, die wie kleine Kopien unserer damaligen "Elf" daher kommen, in den Schatten gestellt.
Ein Problem ist sicherlich, dass man einfach erwartet, dass es immer weiter nach oben geht oder man zumindest das Level hält. Dass man das nicht schaffte, lag an zwei Hauptpunkten:
1. Die Übermacht der Bayern: Sie haben ganz klar gemacht, dass sie es nicht dulden, wenn ein anderer Verein aus Deutschland plötzlich Titel, aber auch Ansehen einheimst und schlugen mit allen Mitteln zurück, inkl. eines Spielstils, der unserem sehr nah kam.
2. Die Macht und Verlockungen des Geldes: Spieler (und gerade ihre Berater) konnten mit den Erfolgen natürlich leicht bei zahlungskräftigen Clubs landen und so waren wichtige Stützen der Mannschaft nicht zu halten.
Nimmt man 1 und 2 zusammen, wie es bei Götze, Lewandowski und Hummels war, dann ist das doppelt schwer zu kompensieren!
Gleichzeitig führte die Reaktion der Bayern dazu, dass sie sich immer weiter vom Rest der Liga entfernten. Kaum noch ein Verein konnte Talente oder Nationalspieler halten, denn die wollten ja auch mal Titel gewinnen. So wurde aus dem Rest der Liga ein Wettbewerb "Hop oder Top" bzw. "Europa League oder Abstieg" und wenn man nicht aufpasste, dann folgte der Abstieg (zumindest Abstiegskampf) auch mal auf den Europa League Einzug.
Daraus ergab sich wiederum ein spezieller Spielstil, mit dem versucht wird, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, das Offensivspiel eher hintenanzustellen bzw. die Bemühungen des Gegners in diese Richtung zu bekämpfen.
Schaut man sich Spiele dieser Mannschaften gegeneinander an, versteht man, warum Leute lieber American Football schauen, als sich ein Bundesligaspiel als neutraler Zuschauer anzutun. Aber am Ende hat man gerade gegen Mannschaften, die eher "die feine Klinge" führen und lieber den schweren, direkten Pass durch zwei eng stehende Abwehrreihen spielen, als einen simplen Doppelpass, sogar Erfolg, weil man ihnen das Leben schwer macht und die Lust am Spiel nimmt.
Genau das mussten wir in den letzten Jahren immer häufiger sehen.
Man wurde plötzlich auf das Niveau der anderen Mannschaften heruntergezogen ... so wie es Jürgen Klopp früher gerne veranschaulichte bzw. für uns beanspruchte. Allerdings hatte man die Idee, mit noch mehr Talent und Leichtfüßigkeit, dem entgegenwirken zu wollen. Das ist leider komplett in die Hose gegangen und so läuft die Mannschaft den Ansprüchen immer weiter hinterher.
Bedeutet, dass man nun an vielen Baustellen arbeiten muss. Vor allem aber daran, dass man Spieler bekommt, die gewillt sind, und körperlich auch in der Lage, dagegen zu halten, um mit dem BVB nach vorne zu kommen und nicht die eigene Karriereplanung und den nächsten Topverein schon im Hinterkopf haben.
Naja, am Ende kann man uns und vor allem Aki dabei nur alles Gute wünschen ...