Sonntag, 7. Juni 2020

Das Gefühl des Scheiterns

Borussia Dortmund im Juni 2020: nach einer wochenlangen Unterbrechung wg. Corona läuft der 30. Spieltag. Man schlägt Hertha BSC Berlin, die aufgrund der letzten Ergebnisse durchaus als selbstbewusst zu bezeichnen sind - knapp, aber verdient gewinnt der BVB mit 1-0. Die Konkurrenz auf den nachfolgenden Plätzen lässt allesamt Punkte liegen und die Mannschaft holt den 11. Sieg aus 13 Rückrundenspielen. Dabei gibt es immer Ausfälle, aktuell fehlen der Abwehrchef, der Kapitän, der in der Winterpause geholte Top-Torjäger! Trotzdem hält man mit einer zusammengewürfelten Abwehr den Gegner fast komplett auf Distanz zum Tor und schafft es, wenn auch nicht sehr häufig, sich immer wieder durch die eng massierte und aggressiv agierende Defensive der Hertha zu kombinieren. Allein Jadon Sancho, der in der letzten Woche wieder in den (a)sozialen Medien aufgefallen ist, hätte das Ergebnis aber wesentlich deutlicher gestalten können.

Der zweite Platz ist erst einmal gesichert, die zweitbeste Rückrunde der Vereinsgeschichte läuft, Torrekorde werden gebrochen, aber bei vielen entsteht der Eindruck, dass die " Leidenschaft fehlt". Dazu kommt, dass in den Medien z.B. von einer "Sinnkrise" (ZDF) erzählt wird, der Trainer, wie seit über einem Jahr berichtet, sowieso nicht zum BVB passt und man ja in den wichtigen Spielen nie gewinnen würde.  Kurze Anmerkung: gestern war ein wichtiges Spiel, das zwar keinen Titel bringt, aber einfach auch mal als wichtiger (Entwicklungs-) Schritt mitgenommen werden sollte. Trotzdem verbreitet sich ein Gefühl, dass man keine gute Saison spiele ... der Makel des ewigen Zweiten kommt auf, man vergisst die (eigene) Geschichte und wird zum Verlierer abgestempelt. Das ist das typische Spiel in der Bayernliga, äh Bundesliga. Frag mal bei anderen Vereinen, die es gewagt haben, den Meister (klingt hier schon fast schon wie der Titel eines Sektenführers) anzugreifen.

Aber das alles ist nur der einen Sache geschuldet: Bayern München wird wohl zum 8. Mal in Folge Deutscher Meister. Souverän spielen sie, ehrgeizig, aggressiv und teilweise attraktiv, wie eine Mannschaft, die seit Jahren gewachsen ist, in der eine entsprechende Hierarchie herrscht und in der jeder Spieler tagtäglich gesagt bekommt, dass sie die Besten sind und es praktisch einem Naturgesetz gleichkommt, dass kein Gegner ihnen das Wasser reicht. Sie sind als Gesamtpaket eine Macht, die intern, vor allem aber extern, auch auf die Gegner, entsprechend wirkt.

Sie ist zermürbend, diese Übermacht, und der FC Bayern schafft es, diesen Eindruck, praktisch wie ein Gegenentwurf zum BVB, immer wieder zu bestätigen.

Sie erwecken und stärken mit jedem Sieg den Eindruck, als seien sie Lichtjahre entfernt, uneinholbar, weil sie auch Spiele gewinnen, in denen sie dann doch kurz zeigen, eigentlich völlig normale Menschen/Fußballer zu sein. Aber dann hilft eben auch mal das Quäntchen Glück und sowohl der Schiedsrichter als auch der VAR werten ein Handspiel eben nicht als elfmeterwürdig oder der Torhüter des Gegners hat nicht seinen besten Tag.

Gebetsmühlenartig werden von Sky, Sport1, dem Kicker die Bilder vom Abonnementmeister und seinem gleichzeitig scheiternden Herausforderer gemalt, dem zudem die besten Spieler weggekauft - eventuell sogar vom übermächtigen FCB. Dazu bestätigen die Verantwortlichen leider selbst gerne, dass man die besten Talente bekommt, weil sie sich eben beim BVB wie nirgends sonst entwickeln können, um dann den nächsten Schritt in der Karriere machen zu können.

So ist der Kader eben auch noch nicht zusammengewachsen, sondern wirkt wie ein Bienenstock, wo Spieler kommen und gehen, diverse Trainer verschiedenste Konzepte ausprobieren und kaum Kontinuität aufkommt.

Aber was bedeutet das jetzt? Aufgeben? Wieder mit einem weiteren Trainer neu beginnen?

Dann vergibt man sie, die große Chance, sich weiterzuentwickeln, aus Fehlern zu lernen und im Windschatten des großen FCB den eigenen Weg zu gehen. Dieser muss anders aussehen, weil man nicht zum zweiten FC Bayern werden kann und darf. Er muss aber auch unabhängig vom Trainer sein, optimistisch, realistisch und eigenständig. Man hat die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen und muss jetzt an der Philosophie als Verein arbeiten. Das Umfeld, die Fans sollten dabei Ruhe bewahren und sich nicht in eine Sinnkrise reinreden lassen, denn das nutzt nur dem FC Bayern.

Wir sollten würdigen, was man bereits gemeinsam entwickelt hat, aber auch den eigenen Spielern mehr Selbstbewusstsein und Verantwortung vermitteln, denn sie haben es in der Hand, Titel zu holen. Sie stehen auf dem Platz in den Farben, in denen andere Spieler und Mannschaften immer bewiesen haben, dass hier ein ganz besonderer Spirit herrschen kann, der auch zu Titeln führen kann. Ob die Spieler bei anderen Vereinen einen ähnlichen Status erreichen können, wie es z.B. ein Schmelzer bei uns geschafft hat, sollten sie mal bei Nuri, Shinji oder Mario erfragen!