Montag, 6. August 2018

BVB "Heimspiel" in Chicago

Es war im Sommer 2017, als der BVB bestätigte, dass für 2018 eine USA Sommertour geplant würde und die Stadt Chicago eine Rolle spielen sollte. Die bisherigen Spiele während der Asienreisen der letzten Jahren kamen mir immer sehr weit entfernt vor, aber meine Erfahrung mit Reisen in die USA weckte die Lust danach, den BVB zumindest bei einem Spiel zu "unterstützen".

Als es konkreter wurde, verabredeten wir uns mit Freunden in den Staaten, buchten Tickets für das Spiel gegen Manchester City und organisierten weitere Highlights (z.B. ein Trainingscamp des BVB mit einer deutschen Schule für die Kids). Schnell hatten wir über die sozialen Medien auch Kontakt zu anderen BVB-Fans in Chicago und Umgebung, die gerade dabei sind, einen Fanclub oder eine Community aufzustellen. Schon zu der Zeit fiel auf, wie euphorisch und engagiert die Fans vor Ort den Auftritt des BVB Kaders in "ihrer Stadt" vorbereiteten.


Unser Reiseplan sah vor, dass wir ein paar Stunden vor der Mannschaft in O'Hare landen sollten und durch den Ausfall der Bahn, die normalerweise die Terminals verbinden, schafften wir es knapp, zunächst unser Airbnb zu beziehen und dann wieder mit der "Blue Line" und dem Shuttlebus pünktlich zur Ankunft des prominent besetzten Fliegers am Flughafen zu sein.

Die ohnehin immer sehr stark frequentierte Ankunftshalle erschien an diesem späten Nachmittag noch voller und die BVB Trikots fielen schon ins Auge. Ob es tatsächlich mehr als 200 Fans waren, kann ich nicht einschätzen, aber auffällig war, dass das Gedränge immer stärker wurde, als dann die Mannschaft den Sicherheitsbereich verließ.




Wir hielten uns mit unseren Kids eher zurück und warteten, nach einem kurzen Blick in die Ankunftshalle, vor dem Bus auf die Spieler, was dazu führte, dass gerade die stark im Fokus stehenden Spieler und Trainer, wie Favre, Götze oder Pulisic, an uns vorbeihuschten. Trotzdem konnten wir ein paar Selfies machen und sogar kurze Gespräche mit Lars Ricken, Michael Zorc, Aki Watzke und Carsten Cramer führen. Schon da fiel auf, dass der BVB selbst relativ gespannt war, wie er bei seinem ersten größeren Auftritt von den "Soccerfans" angenommen würde.

Insgesamt waren alle Beteiligten positiv überrascht, was sich in den folgenden Tagen noch steigern sollte.

Über die Facebook-Gruppe des BVB Midwest Fanclubs erhielten wir Infos zu den anstehenden Terminen und konnten an allen Auftritten des BVB teilnehmen, obwohl sie teilweise auf sehr geringe Teilnehmerzahlen beschränkt waren.

Die offizielle Vorstellung des Champions League Trikots war sicherlich ein Highlight und das erste Treffen mit Andy Stecher, der den Midwest Fanclub gegründet hat, sowie ein längeres Gespräch mit Carsten Cramer sollten unterstreichen, wie groß die Sehnsucht von vielen BVB Fans in den USA ist - endlich mal die Stars zu sehen, aber auch ein wenig von der legendären Atmosphäre, die den BVB umgibt, zu erfahren. Als langjähriges Mitglied und Dauerkartenbesitzer seit 1987 wurde ich schnell zu einer Art Botschafter des Westfalenstadions und der "Yellow Wall" und musste immer mehr von meinen Erlebnissen erzählen. Es entwickelte sich ein in den letzten Jahren schon fast vergessenes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Euphorie, wenn man gemeinsam über unvergessliche Spiele sprach und in Erinnerungen an tolle und auch schwere, auf jeden Fall immer besondere, intensive Zeiten schwelgte.





Hängen geblieben ist da vor allem ein Erlebnis mit einem Fan aus Milwaukee, den ich mit Lars Ricken fotografierte, was ihn zu einer sehr emotionalen Reaktion mit Umarmungen und einem "He's my hero ..." hinreißen ließ.

Beim Training am Abend vor dem Spiel, durften wir, obwohl wir nur zwei Tickets hatten, auch die Kinder hineinnehmen und es zeigte sich, wie intensiv die Fans sich mit dem BVB auf allen möglichen Kanälen beschäftigen. Selbst teilweise noch eher unbekannte Jugendspieler und ihre Entwicklungen wurden besprochen, aber auch diskussionswürdige Entwicklungen um den BVB und den Fußball in Deutschland und Europa herum. Das Leuchten in den Augen zu sehen, wenn sie davon sprachen, wie sie versuchen, ganz nah am BVB zu sein, war inspirierend und zugleich wie eine Art Frischzellenkur des eigenen Fan-Daseins. Ich hoffe, dass ich mir das bis in die neue Saison hinein behalte und vielleicht sogar auf andere, bisweilen eher frustierte Fans daheim übertragen kann.

 

Am folgenden Morgen stand dann eine Trainingseinheit mit der BVB Fußballschule und Kindern der
German International School Chicago an und Lars Ricken und Emma waren echte Highlights für die Kids.








Das Spiel, welches um 20 Uhr Ortszeit stattfand, wurde typisch amerikanisch mit einem Tailgate auf dem Parkplatz am Soldier Fields 4 Stunden vor Anpfiff "eingeleitet" - wiederum organisiert vom Fanclub um Andy Stecher und viele Fans ließen sich diese Möglichkeit des Austauschs trotz schlechtem Wetter nicht entgehen. Lars Ricken und die Crew vom BVB TV kamen auch vorbei und der BVB zeigte Bilder im Video über die BVB-USA Reise. Spannend finde ich, wie die Leute in den Staaten auf den BVB als "ihren Club" gekommen sind. Teilweise ergab sich das aufgrund der eigenen Herkunft als Auswanderer, Verbindungen über die Eltern oder Verwandten nach Deutschland, aber auch Geschäftsbeziehungen zu deutschen, BVB-nahen Unternehmen. Viele jüngere Fans sind allerdings vermehrt über Christian Pulisic zu unseren Farben gekommen, was gerade den Marktwert von ihm unterstreichen dürfte.

Das Spiel war ein typisches Vorbereitungsspiel, die Stimmung im Stadion war sicherlich nicht mit einem Pflichtspiel zu vergleichen, aber der Anteil der BVB-Fans und -Sympathisanten im Stadion war überraschend hoch, was einige ManCity-Fans (unter anderem in Youtube-Videos) wieder mit Christian Pulisic in unserem Trikot begründeten. Verglichen mit BVB-Testspielen in Europa und selbst im nahen Umfeld war es aber anders, irgendwie frisch und enthusiatisch. Es hat entsprechend Spaß gemacht, z.B. alle Strophen von Heja BVB zu singen und immer mehr "Amis" zum Mitsingen des Refrains zu begeistern. Der Regen im nicht überdachten Sodier Fields beschränkte sich auf die Halbzeitpause, so dass wir nach dem Spiel auch trocken im Hotel wieder ankamen.




Der BVB verließ dann Chicago und setzte die USA Reise fort, während wir nach ein paar Tagen ebenfalls die Stadt in Richtung Michigan verließen, wo wir ein paar Tage später die geballte Power von Manchester United und Liverpool FC in Ann Arbor erleben durften.

Hier wurde einerseits deutlich wie groß der Vorsprung dieser Clubs ist, den sie sicherlich aus verschiedenen Gründen inne haben. Hauptsächlich ist die Sprache ein großer Vorteil, aber auch die  Vernetzungen der Clubs mit amerikanischen Anteilseignern oder Inhabern dürfte neben der TV-Präsenz der englischen Premier League dazu beitragen, dass man mehr als 100.000 Zuschauer ins "Big House" bekommt.





Andererseits wurde für uns deutlich, wie groß die Sympathien für den BVB überall sind, denn man wurde überall auf unser Trikot angesprochen und es wurde deutlich, dass nicht nur Christian Pulisic ein Thema ist, sondern unser Stadion und die "Yellow Wall" tatsächlich als legendär gelten.

Fazit: Persönlich tat es einfach mal gut, so viele BVB Fans zu treffen, die sich mit unserem Verein stark identifizieren; dankbar sind, für jegliche Möglichkeit, dem Club nahe zu sein und einen sehr positiven Ansatz haben - vermutlich einfach auch weniger belastet durch Diskussionen, die in den letzten Monaten rund um das Westfalenstadion die Stimmung schon heruntergezogen haben.

Was den BVB und seine "Marktchancen" angeht, so denke ich, dass man dort wirklich vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten sprechen kann. Wir wurden und der BVB wird wahrgenommen, man hat Alleinstellungs- und wenn nicht, dann Unterscheidungsmerkmale gegenüber all den Großkalibern aus England, Italien und Spanien. Wenn man es schafft, aus Sympathien Identifikation werden zu lassen, dann geht da Einiges!

Jetzt freue ich mich auf die neue Saison, werde viel in Richtung USA berichten und in Kontakt bleiben und meinen Beitrag so leisten ... 

Freitag, 16. März 2018

Das große Ganze aus dem Blick verloren ...

Nun ist man also nach einer blamablen Europapokal-Saison gegen RedBull Salzburg ausgeschieden und nicht das erste Mal in dieser Saison, musste man gestern (an)erkennen, dass unsere Mannschaft unter gewissen Voraussetzungen einfach nicht wettbewerbsfähig ist.

Nun wird über Charakter, Hierarchie und Führungsspieler gesprochen, Trainer und ihre Taktiken werden diskutiert und auch die Einkaufspolitik.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass man sich als Verein oder Unternehmen irgendwie verloren hat, vielleicht aufgrund des Wachstums in den letzten Jahren und der Erfolge, die man hauptsächlich in Sachen Talent-Rekrutierung, Auftritte/Wahrnehmung in Asien und einem Pokalsieg (nach vier Anläufen!) für sich verbucht hat. Verloren, im Sinne der korrekten Einordnung des BVB im großen Bild, welches der Profifußball inzwischen abgibt.

Erst wenn man weiß, welche Rolle man eigentlich im modernen Fußballgeschäft einnimmt und was alles für Einflüsse auf den alltäglichen Spielbetrieb, Spieler und Umfeld wirken, dann kann man sich neu ausrichten. Fraglich ist allerdings, ob man das mit den aktuellen Verantwortungsträgern und "ihrer Mannschaft", nämlich der, die die Weichen stellen muss, weiterhin kann.

Jürgen Klopp sagte, entweder er geht oder viele andere müssten gehen, Thomas Tuchel ist mit seinen Maßnahmen gescheitert, weil er sich auf vielen Ebenen unbeliebt gemacht hat, Peter Bosz am Ende an der nicht vorhandenen körperlichen Präsenz des gesamten Kaders.

Viele sprechen darüber, dass man Persönlichkeiten verloren hat. Spieler, die inzwischen bei Bayern oder ManCity das Spiel prägen. Der Verein setzte auf Talent und entwickelte sich zu einer Art Laufsteg für übertalentierte Offensivspieler. Spieler, die sich zu etwas Größerem berufen fühlten, als nur für den BVB zu spielen!

In der Zeit nach den großen Jahren, Titeln und Endspielen verloren wir nicht nur herausragende Persönlichkeiten auf dem Platz, sondern auch das Bild eines Vereins, zu dem die Spieler kommen, um sich genau für diesen Verein zu zerreißen, Widerstände gemeinsam zu überwinden und unbedingt Erfolg haben zu wollen. Stattdessen findet man eine Wohlfühloase vor, mit perfekten Trainingsmöglichkeiten, genug Ablenkung vom stressigen Spielbetrieb und dem besten Rasen der Liga im (inzwischen leider gar nicht mehr so lauten) Tempel. Man verbringt viel freie Zeit im Ausland, z.B. beim Friseur seines Vertrauens oder kuriert sich in Luxushotels mit Ausblick auf Berge und/oder Meer aus. Das sind Bilder, die in unserer Zeit, wo sich Gesellschaftsschichten gerade bzgl. des Wohlstands immer weiter voneinander entfernen, wirken wie Brandbeschleuniger für schlechte Laune!

In den sozialen Medien sieht man tatsächlich gut gelaunte Ballkünstler, die Lattenschießen üben oder im "Footbonauten" Bälle auf Kunstrasen von einem aufleuchtenden Kasten in den nächsten passen. Völlig egal, ob man gerade in Hannover auf schlechtem Rasen ausgekontert wurde oder gegen den Serienmeister aus Zypern zwei Mal nicht über ein Unentschieden hinausgekommen ist. Die Welt ist schön, die teuren Autos blitzen und wenn man öffentliches Training hat, sind auch viele Fans da ...

Anders sieht es tatsächlich auf den Tribünen aus. Da sind zwar immer noch viele Fans, aber man diskutiert über Spieltagszerstückelungen, Brausehersteller-Clubs und über die Defizite des gerade verantwortlichen Trainers. Gesungen wird fast nur noch im Ultra-Block, aber zum fürchten ist die Stimmung im Tempel (für Gegner) schon lange nicht mehr. Vielleicht schon eher für DIE (eigenen) Spieler, die dann doch mal etwas riskieren und dafür Pfiffe ernten, wenn es überhastet daneben geht. Da ist dann aber auch selten ein Zeichen von den Mannschaftskollegen, dass man sich gemeinsam hilft, was zumindest mal ein Signal für die Tribünen wäre, dass man tatsächlich "fest und treu" zusammenhält. Dann zündet dieser Brandbeschleuniger eben und man pfeift auch mal die eigene Mannschaft aus ... trotz Platz 2 oder 3 in der Ligatabelle!

Und so sind wir inzwischen ein inhomogenes Konstrukt, indem jeder dem anderen viele Fehler und Fehlverhalten aufzeigen kann, aber eben keine Gemeinsamkeiten zu erkennen sind.

Aber, was hat man eigentlich verpasst oder übersehen, wenn man an die letzten Jahre denkt?

Wir waren 2012/2013 das Vorzeigemodell im Fußball, voller Leidenschaft, Teamgeist, Jugend und Vollgasveranstaltungen und werden inzwischen von gefühlten 100 Teams aus ganz Europa, die wie kleine Kopien unserer damaligen "Elf" daher kommen, in den Schatten gestellt.

Ein Problem ist sicherlich, dass man einfach erwartet, dass es immer weiter nach oben geht oder man zumindest das Level hält. Dass man das nicht schaffte, lag an zwei Hauptpunkten:

1. Die Übermacht der Bayern: Sie haben ganz klar gemacht, dass sie es nicht dulden, wenn ein anderer Verein aus Deutschland plötzlich Titel, aber auch Ansehen einheimst und schlugen mit allen Mitteln zurück, inkl. eines Spielstils, der unserem sehr nah kam.

2. Die Macht und Verlockungen des Geldes: Spieler (und gerade ihre Berater) konnten mit den Erfolgen natürlich leicht bei zahlungskräftigen Clubs landen und so waren wichtige Stützen der Mannschaft nicht zu halten.

Nimmt man 1 und 2 zusammen, wie es bei Götze, Lewandowski und Hummels war, dann ist das doppelt schwer zu kompensieren!

Gleichzeitig führte die Reaktion der Bayern dazu, dass sie sich immer weiter vom Rest der Liga entfernten. Kaum noch ein Verein konnte Talente oder Nationalspieler halten, denn die wollten ja auch mal Titel gewinnen. So wurde aus dem Rest der Liga ein Wettbewerb "Hop oder Top" bzw. "Europa League oder Abstieg" und wenn man nicht aufpasste, dann folgte der Abstieg (zumindest Abstiegskampf) auch mal auf den Europa League Einzug.

Daraus ergab sich wiederum ein spezieller Spielstil, mit dem versucht wird, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, das Offensivspiel eher hintenanzustellen bzw. die Bemühungen des Gegners in diese Richtung zu bekämpfen.

Schaut man sich Spiele dieser Mannschaften gegeneinander an, versteht man, warum Leute lieber American Football schauen, als sich ein Bundesligaspiel als neutraler Zuschauer anzutun. Aber am Ende hat man gerade gegen Mannschaften, die eher "die feine Klinge" führen und lieber den schweren, direkten Pass durch zwei eng stehende Abwehrreihen spielen, als einen simplen Doppelpass, sogar Erfolg, weil man ihnen das Leben schwer macht und die Lust am Spiel nimmt.

Genau das mussten wir in den letzten Jahren immer häufiger sehen.

Man wurde plötzlich auf das Niveau der anderen Mannschaften heruntergezogen ... so wie es Jürgen Klopp früher gerne veranschaulichte bzw. für uns beanspruchte. Allerdings hatte man die Idee, mit noch mehr Talent und Leichtfüßigkeit, dem entgegenwirken zu wollen. Das ist leider komplett in die Hose gegangen und so läuft die Mannschaft den Ansprüchen immer weiter hinterher.

Bedeutet, dass man nun an vielen Baustellen arbeiten muss. Vor allem aber daran, dass man Spieler bekommt, die gewillt sind, und körperlich auch in der Lage, dagegen zu halten, um mit dem BVB nach vorne zu kommen und nicht die eigene Karriereplanung und den nächsten Topverein schon im Hinterkopf haben.

Naja, am Ende kann man uns und vor allem Aki dabei nur alles Gute wünschen ...