Als es konkreter wurde, verabredeten wir uns mit Freunden in den Staaten, buchten Tickets für das Spiel gegen Manchester City und organisierten weitere Highlights (z.B. ein Trainingscamp des BVB mit einer deutschen Schule für die Kids). Schnell hatten wir über die sozialen Medien auch Kontakt zu anderen BVB-Fans in Chicago und Umgebung, die gerade dabei sind, einen Fanclub oder eine Community aufzustellen. Schon zu der Zeit fiel auf, wie euphorisch und engagiert die Fans vor Ort den Auftritt des BVB Kaders in "ihrer Stadt" vorbereiteten.
Unser Reiseplan sah vor, dass wir ein paar Stunden vor der Mannschaft in O'Hare landen sollten und durch den Ausfall der Bahn, die normalerweise die Terminals verbinden, schafften wir es knapp, zunächst unser Airbnb zu beziehen und dann wieder mit der "Blue Line" und dem Shuttlebus pünktlich zur Ankunft des prominent besetzten Fliegers am Flughafen zu sein.
Die ohnehin immer sehr stark frequentierte Ankunftshalle erschien an diesem späten Nachmittag noch voller und die BVB Trikots fielen schon ins Auge. Ob es tatsächlich mehr als 200 Fans waren, kann ich nicht einschätzen, aber auffällig war, dass das Gedränge immer stärker wurde, als dann die Mannschaft den Sicherheitsbereich verließ.
Wir hielten uns mit unseren Kids eher zurück und warteten, nach einem kurzen Blick in die Ankunftshalle, vor dem Bus auf die Spieler, was dazu führte, dass gerade die stark im Fokus stehenden Spieler und Trainer, wie Favre, Götze oder Pulisic, an uns vorbeihuschten. Trotzdem konnten wir ein paar Selfies machen und sogar kurze Gespräche mit Lars Ricken, Michael Zorc, Aki Watzke und Carsten Cramer führen. Schon da fiel auf, dass der BVB selbst relativ gespannt war, wie er bei seinem ersten größeren Auftritt von den "Soccerfans" angenommen würde.
Insgesamt waren alle Beteiligten positiv überrascht, was sich in den folgenden Tagen noch steigern sollte.
Über die Facebook-Gruppe des BVB Midwest Fanclubs erhielten wir Infos zu den anstehenden Terminen und konnten an allen Auftritten des BVB teilnehmen, obwohl sie teilweise auf sehr geringe Teilnehmerzahlen beschränkt waren.
Die offizielle Vorstellung des Champions League Trikots war sicherlich ein Highlight und das erste Treffen mit Andy Stecher, der den Midwest Fanclub gegründet hat, sowie ein längeres Gespräch mit Carsten Cramer sollten unterstreichen, wie groß die Sehnsucht von vielen BVB Fans in den USA ist - endlich mal die Stars zu sehen, aber auch ein wenig von der legendären Atmosphäre, die den BVB umgibt, zu erfahren. Als langjähriges Mitglied und Dauerkartenbesitzer seit 1987 wurde ich schnell zu einer Art Botschafter des Westfalenstadions und der "Yellow Wall" und musste immer mehr von meinen Erlebnissen erzählen. Es entwickelte sich ein in den letzten Jahren schon fast vergessenes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Euphorie, wenn man gemeinsam über unvergessliche Spiele sprach und in Erinnerungen an tolle und auch schwere, auf jeden Fall immer besondere, intensive Zeiten schwelgte.
Hängen geblieben ist da vor allem ein Erlebnis mit einem Fan aus Milwaukee, den ich mit Lars Ricken fotografierte, was ihn zu einer sehr emotionalen Reaktion mit Umarmungen und einem "He's my hero ..." hinreißen ließ.
Beim Training am Abend vor dem Spiel, durften wir, obwohl wir nur zwei Tickets hatten, auch die Kinder hineinnehmen und es zeigte sich, wie intensiv die Fans sich mit dem BVB auf allen möglichen Kanälen beschäftigen. Selbst teilweise noch eher unbekannte Jugendspieler und ihre Entwicklungen wurden besprochen, aber auch diskussionswürdige Entwicklungen um den BVB und den Fußball in Deutschland und Europa herum. Das Leuchten in den Augen zu sehen, wenn sie davon sprachen, wie sie versuchen, ganz nah am BVB zu sein, war inspirierend und zugleich wie eine Art Frischzellenkur des eigenen Fan-Daseins. Ich hoffe, dass ich mir das bis in die neue Saison hinein behalte und vielleicht sogar auf andere, bisweilen eher frustierte Fans daheim übertragen kann.
Am folgenden Morgen stand dann eine Trainingseinheit mit der BVB Fußballschule und Kindern der
German International School Chicago an und Lars Ricken und Emma waren echte Highlights für die Kids.
Das Spiel, welches um 20 Uhr Ortszeit stattfand, wurde typisch amerikanisch mit einem Tailgate auf dem Parkplatz am Soldier Fields 4 Stunden vor Anpfiff "eingeleitet" - wiederum organisiert vom Fanclub um Andy Stecher und viele Fans ließen sich diese Möglichkeit des Austauschs trotz schlechtem Wetter nicht entgehen. Lars Ricken und die Crew vom BVB TV kamen auch vorbei und der BVB zeigte Bilder im Video über die BVB-USA Reise. Spannend finde ich, wie die Leute in den Staaten auf den BVB als "ihren Club" gekommen sind. Teilweise ergab sich das aufgrund der eigenen Herkunft als Auswanderer, Verbindungen über die Eltern oder Verwandten nach Deutschland, aber auch Geschäftsbeziehungen zu deutschen, BVB-nahen Unternehmen. Viele jüngere Fans sind allerdings vermehrt über Christian Pulisic zu unseren Farben gekommen, was gerade den Marktwert von ihm unterstreichen dürfte.
Das Spiel war ein typisches Vorbereitungsspiel, die Stimmung im Stadion war sicherlich nicht mit einem Pflichtspiel zu vergleichen, aber der Anteil der BVB-Fans und -Sympathisanten im Stadion war überraschend hoch, was einige ManCity-Fans (unter anderem in Youtube-Videos) wieder mit Christian Pulisic in unserem Trikot begründeten. Verglichen mit BVB-Testspielen in Europa und selbst im nahen Umfeld war es aber anders, irgendwie frisch und enthusiatisch. Es hat entsprechend Spaß gemacht, z.B. alle Strophen von Heja BVB zu singen und immer mehr "Amis" zum Mitsingen des Refrains zu begeistern. Der Regen im nicht überdachten Sodier Fields beschränkte sich auf die Halbzeitpause, so dass wir nach dem Spiel auch trocken im Hotel wieder ankamen.
Der BVB verließ dann Chicago und setzte die USA Reise fort, während wir nach ein paar Tagen ebenfalls die Stadt in Richtung Michigan verließen, wo wir ein paar Tage später die geballte Power von Manchester United und Liverpool FC in Ann Arbor erleben durften.
Hier wurde einerseits deutlich wie groß der Vorsprung dieser Clubs ist, den sie sicherlich aus verschiedenen Gründen inne haben. Hauptsächlich ist die Sprache ein großer Vorteil, aber auch die Vernetzungen der Clubs mit amerikanischen Anteilseignern oder Inhabern dürfte neben der TV-Präsenz der englischen Premier League dazu beitragen, dass man mehr als 100.000 Zuschauer ins "Big House" bekommt.
Andererseits wurde für uns deutlich, wie groß die Sympathien für den BVB überall sind, denn man wurde überall auf unser Trikot angesprochen und es wurde deutlich, dass nicht nur Christian Pulisic ein Thema ist, sondern unser Stadion und die "Yellow Wall" tatsächlich als legendär gelten.
Fazit: Persönlich tat es einfach mal gut, so viele BVB Fans zu treffen, die sich mit unserem Verein stark identifizieren; dankbar sind, für jegliche Möglichkeit, dem Club nahe zu sein und einen sehr positiven Ansatz haben - vermutlich einfach auch weniger belastet durch Diskussionen, die in den letzten Monaten rund um das Westfalenstadion die Stimmung schon heruntergezogen haben.
Was den BVB und seine "Marktchancen" angeht, so denke ich, dass man dort wirklich vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten sprechen kann. Wir wurden und der BVB wird wahrgenommen, man hat Alleinstellungs- und wenn nicht, dann Unterscheidungsmerkmale gegenüber all den Großkalibern aus England, Italien und Spanien. Wenn man es schafft, aus Sympathien Identifikation werden zu lassen, dann geht da Einiges!
Jetzt freue ich mich auf die neue Saison, werde viel in Richtung USA berichten und in Kontakt bleiben und meinen Beitrag so leisten ...






