Donnerstag, 22. Dezember 2016

Die Lizenz zum Nörgeln

Die letzte Partie vor der Winterpause ist gespielt und es war wie in vielen Spielen gegen vermeintlich kleine Gegner. Der BVB hat viel Ballbesitz, gewinnt auch sonst die meisten Statistiken, bis auf die Foulstatistik. Nur der offenbar inzwischen vorausgesetzte einfache Gewinn der Partie bleibt aus.

Der oder die Schuldige(n) sind für viele "Experten" schnell gefunden: Tuchel hat weder die Mannschaft im Griff, noch taktische Mittel oder spielt zu viel mit ihnen und dem Personal herum. Auch die deutschen Neuzugänge wie Götze, Schürrle und Rode werden den Ansprüchen nicht gerecht und jedes Argument für die Leistungsschwankungen wird mit Ablösesummen abgebügelt.

Ich gebe zu, dass auch ich (seit Kehls Weggang) Persönlichkeiten in der Mannschaft vermisse, die auf dem Platz den Ton angeben und vor allem gegen aggressive Gegner dagegen halten. Gerade die Entscheidung, Schmelzer zum Kapitän zu machen, war in meinen Augen das falsche Signal an den Rest, denn Schmelle wirkt zu brav für einen Leader, wobei ich seine aktuelle Leistung eher kritisiere, als sein Auftreten, wie z.B. gegen Hoffenheim. Aber auch bei ihm gilt, dass er Geduld verdient hat und wir insgesamt entspannter mit der Entwicklung des Teams umgehen sollten.

Aber da liegt unser Problem: das Umfeld ist voller Erwartungen! Die Aussagen sind anmaßend und völlig weltfremd. Da wird die angebliche Schwäche der Bayern ausgemacht, die man doch zur erneuten Meisterschaft nutzen müsse. Und Thomas Tuchel habe neben der ausgemachten taktischen Herumprobiererei noch ein weiteres Problem: ihm wird unterstellt, dass er beratungsresistent sei, sich selbst nie in Frage stelle und mit seiner Art sowieso nicht "zur DNA" des BVB passe.


Das alles ist kontraproduktiv und stört die Atmosphäre um den Club herum, was gerne von den professionellen Medien aufgenommen und verstärkt wird. In meinen Augen ist es allerdings einfach falsch: Tuchel ist authentisch, führt die Mannschaft emotional, bezieht sich immer in die (eigene) Kritik mit ein und hat angekündigt, dass es eine Übergangssaison werden wird, weil man viele neue Spieler integrieren muss und dabei viele zusätzliche Probleme bewältigen muss. Trotzdem wird negative Stimmung gemacht, kritisiert und jedes positive Signal oder Spiel fast schon ignoriert.

Dabei ist das doch der einzige wirkliche Einfluss, den wir haben: Wir können oder konnten (gefühlt) Spiele gewinnen, indem wir lautstark das Team unterstütz(t)en und kaufen jedes Jahr unsere Dauerkarte, vererben sie vielleicht sogar, um dem Verein, den wir so lieben, nah zu sein. Mit der Überweisung des Rechnungsbetrags für die Dauerkarte meinen viele aber inzwischen, damit auch das Recht erworben zu haben, unverhältnismäßig oft und laut zu kritisieren und gerade in den 90 Minuten des Spiels eben nicht "fest und treu" mit den Akteuren, die unsere Farben tragen, zusammenzustehen.

Wenn der BVB, als Familie, so einzigartig ist und die Fans, die auch als Botschafter fungieren und die Atmosphäre bestimmen, nicht hinter der Mannschaft stehen, dann ist der BVB nichts besonderes mehr! Ich hoffe, dass über die Feiertage die Einsicht kommt, dass der BVB sportlich unglaubliche Voraussetzungen geschaffen hat und alle das Vertrauen verdient haben, sich weiterzuentwickeln.

Frohes Fest und nen guten Rutsch
Holger

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